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Ein Haircut für alle Euro-Konten?



Kaum ist die deutsche Wahl vorbei, meldet sich die Schuldenkrise mit einem Gongschlag zurück. Der Internationale Währungsfonds schlägt in seinem Monatsbericht Fiscal Report für Oktober vor, die Schuldenkrise der Eurozone durch eine einmalige Zwangsabgabe una tantum von 10 Prozent von allen Bankkonten der 15 Euroländer zu beheben.

Nach dem Modell Zypern soll diese Zwangsabhebung von allen Barvermögen der Eurozone ermöglichen, ihre öffentlichen Schulden auf ein tragfähiges Mass zu reduzieren.

Es ist nicht klar, ob kleine Bankguthaben geschont werden sollen. Auch ist offen, ob die Massnahme rückwirkend gelten soll — womit verhindert werden könnte, dass schlaue Leute ihre Guthaben frühzeitig liquidieren oder ins nicht-Euro-Gebiet überweisen. Auch ist nicht klar, ob ein 10 Prozent-haircut ausreichen würde, um die Verschuldung auf tragfähiges Niveau abzubauen.

Ein bedrohliches Szenario, dessen Reiz in seiner Primitivität einserseits und der leichten Durchführbarkeit andererseits liegt. Historische Vorbilder für solche -haircuts gibts es zuhauf. Das Nachkriegsdeutschland Trizonien erlebte 1948 einen -haircut von 90 Prozent seiner Bankkonten, euphemistisch "Währungsreform" genannt.

Merkels Garantie der kleinen Guthaben unter 100.000 Euro würde wohl im Einvernehmen mit Brüssel zum Fenster hinaus fliegen, denn ohne den Aderlass der Vermögen der Millionen "kleiner Leute" kämen die erforderlichen hunderte von Milliarden nicht zusammen.

Er bedarf keiner Hellsichtigkeit, anzunehmen, dass sich eine enorme Flucht aus dem Euro in Dollar, Pfund und andere Währungen ereignen würde, mit entsprechendem Wertverlust des Euro. Das resultierende Chaos in der Eurozone dürfte dem in Zypern kaum nachstehen. Und in Deutschland muss man mit Tumulten rechnen, wenn die Deutschen erkennen, dass sie trotz aller gegenteiligen Beteuerungen ihrer Regierung nun doch massiv für die verschuldeten Südländer zur Kasse gebeten werden.

Eines ist klar: hätte der Währungsfonds seinen Vorschlag einen Monat früher verkündet, so sässe heute die europhobe Partei "Aktion für Deutschland" (AfD) im Bundestag.

Update:

Am 5. 11. meldete dpa, dass sich der Internationale Währungsfonds (IWF) in der Debatte über eine Zwangsabgabe für Sparer zum Abbau von Staatsschulden missverstanden sieht. Die Idee einer solchen Abgabe auf Finanzvermögen, die im Fiscal Report vom Oktober auftaucht, sei "ein rein theoretisches Gedankenspiel", sagte eine IWF-Sprecherin.

Merkwürdig. Der für knochentrockene Analysen bekannte IWF publiziert gewöhnlich keine Gedankenspiele. Der österreichische Notenbankchef Ewald Nowotny warnte davor, die Sparer mit solchen Ideen zu verunsichern.

"Auf Hilfe vom Bundesverfassungsgericht könnten Sparer im Ernstfall wohl nicht hoffen: Der Steuerrechts-Professor Joachim Wieland hält eine einmalige Vermögensabgabe für verfassungsgemäß." (Focus online money, 5/11)

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—— Heinrich von Loesch